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"Schön schräg" - Workshop zur Neuen Musik

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Am Samstag, dem 2.4., fand in der Städtischen Max-Bruch-Musikschule der erste von hoffentlich recht vielen Workshops zum Bereich der Neuen Musik statt. Cécile Dorchêne, Geigenlehrerin an der Musikschule, und Constantin Herzog, Dozent ebenda für Kontrabass, behandelten in einem dreistündigen „Kompaktkurs“ vier Module des Komplexes – jeweils praxisorientiert und didaktisch auf Teilnehmerinnen und Teilnehmer fokussiert.
Acht vor allem jüngere und ganz junge Interessierte hatten sich eingefunden, von denen sechs mit Streichinstrumenten, einer mit Blockflöte und zwei an Flügel und Klavier musizierten.

Der Kurs begann mit dem Bereich Grafische Notation: Dorchêne und Herzog gaben ein Blatt mit der Komposition "Folio" von Earl Brown aus und luden die Gruppenmitglieder ein, diese zu spielen. Es gab und gibt nicht einmal einen Kommentar zur Leserichtung, das heißt: Man kann dieses Bild von links nach rechts, von oben nach unten, im Kreis herum oder auf den Kopf gestellt „verstehen“, und es gibt kein Richtig oder Falsch … Der Effekt war höchst ungewöhnlich für klassisch vorgebildete Ohren, denn es sind keine Noten vorgegeben, die Klötzchen und Striche und Punkte am (nicht bunten) Papier konnten absolut individuell interpretiert werden, und zwar was Tonhöhe, Tondauer und Tonfarbe, Instrumentation und und und betrifft.
Nach diesem eindrucksvollen „Auftakt“ wurden auf den diversen Instrumenten Klänge erzeugt, die man beim Hören nicht unbedingt mit ihnen assoziiert: Auf dem Kontrabass entstehen eigenartige Geräusche, wenn man den Bogen weit unter den Steg führt oder gar nicht auf den Saiten, sondern, auch mal umgedreht, über den Holzkörper streicht oder leicht klopft; die Saiten im Flügel werden mit Plättchen in völlig veränderte Schwingungszustände gebracht und dadurch verfremdete Töne und Cluster produziert etc. Auch diese Erweiterung des Klangspektrums konnten alle Mitwirkenden selbst ausprobieren.
Im dritten Teil beschäftigte sich der Workshop mit dem Dirigieren – das bei nicht festgelegten Notenwerten, -längen und -höhen ja ebenfalls ein Problem darstellen kann. Hier greifen völlig andere Parameter als bei festgelegten Takten und Solo-, Tutti-Aufteilungen: Nach einem Konsens in der Zeichensprache signalisiert der Dirigent / die Dirigentin z. B. dem Ensemble, ein beliebiges Gebilde von vier, fünf Tönen immer wieder abzuspielen, oder erwirkt mit einer Armbewegung Lauter- oder Leiserwerden oder fordert Einzelne auf, mit ihrem Instrument aus dem „Klangteppich“ hervorzutreten. Die Besucher und Besucherinnen waren eingeladen, selbst auszuprobieren, wie deutlich ihre Anweisungen bei den Orchestermitgliedern ankamen, sodass diese diese mehr oder minder deutlich umsetzen konnten.
Im letzten Teil des Seminars legten Dorchêne und Herzog einen Text von Karlheinz Stockhausen und John Cage vor, in welchem kurz, kompakt und geradezu lyrisch in vorsichtigem Imperativ dazu aufgefordert wird, einen Ton nach eigenem Gusto erklingen und ausklingen zu lassen. Der überraschende Effekt: War man vorher eher auf das eigene Spielen konzentriert und hatte weniger die anderen Klänge bzw. die Klänge der anderen beachtet, waren die Ohren nun ganz besonders offen für die gruppendynamische Entwicklung der Geräusch- und Klangerzeugung.
Der Workshop warb in bester Manier für die Auseinandersetzung mit einer Sparte der Musik, die als hoch artifiziell, ja hoch intellektuell bezeichnet und geschätzt wird, aber kaum geliebt … Erwiesen ist, dass die praktische Arbeit mit Neuer Musik nicht nur musikpädagogisch sinnvoll ist (Hören von Obertönen und winzigsten Intervallen zum Beispiel), sondern den Ausführenden häufig mehr Vergnüngen bereitet als die passive Rezeption (nur „schräg“ oder „schön schräg“?). Diese Perspektive soll gerade in der Musikschularbeit künftig stärker berücksichtigt und der Zugang zu dieser Spezies zwar mit theoretischem Überbau ausgestattet, aber vor allem durch praktisches Selbermachen ausgestaltet und hierdurch erleichtert werden, auf dass sie ihr Image als Außenseiter-Genre verliert.
Gudrun Armbruster